Erwachsenenballett

Ballett Für Erwachsene – kann ich mich an solch einen graziösen Sport überhaupt heranwagen? – Diese Frage stellte sich auch mir, als ich erstmals an einer Ballettstunde im Medizinischen Fitness-Center Arnstein, Am Alten Schwimmbad, auf Einladung von Bärbel Magers, teilnahm. Aber: Wer wagt gewinnt, sagte ich mir und irgendwann muß man ja schließlich erst einmal probiert haben, um zu wissen, ob diese Art harmonischer Bewegung den eigenen Möglichkeiten und Vorlieben entspricht.

Eine solche Probestunde steht allen Damen offen und das Angenehme ist: Es erfolgt keine lange Vorrede, sondern Tanja Palamarjuk, die Trainerin und Choreographin des „Joy of Ballet” forderte mich und noch zwei weitere „Neudamen” auf, in die Runde zu kommen und – nach den eigenen vorhandenen Möglichkeiten – mitzumachen oder auch zwischendurch mal zu pausieren.

Schon die Aufwärmphase war spannend. Kaum jemals vorher hatte ich gespürt, wie konzentiert aufrechtes Gehen, Stehen, gerade Haltung, gestreckte Beine und Arme, Hintern- und Bauchanspannen sein kann. Aber „man” kann. Also – resümierte ich – ist es eine Frage der Konzentration. Aber Konzentration läßt nach, wenn man sie nicht übt und das spürte ich. Während die Damen, die nach einem halben Jahr Training sich bereits bewegten, als hätten sie nie etwas anderes gemacht, als Ballett, ließ meine Aufmerksamkeit nach und als der Seitensprung der Aufwärmphase kam, merkte ich buchstäblich, wie ich die Spannung verlor. Also: Training ist das A und O.

Tanja Palamarjuk kommentierte immer wieder, was das „sich-neu-konzentrieren” zurückholte und den eigenen Körper mit Anspannung und Konzentration immer leichter bewegte.
„Oh, what a feeling” – plötzlich leicht zu werden, sich in der Bewegung gespannt und gleichzeitig entspannt zu spüren … Es folgten Übungen mit Nachfedern, Taillenstrecken, Rumpfbeugen, Atemübungen, die Handgelenke werden bewegt und dank der immer noch haltenden Konzentration und den immer neuen Aufforderungen der Trainerin, die Spannung zu halten, erscheint jede Bewegung spielerisch – auch wenn ich beim Blick in den Spiegel natürlich erkennen muß, daß meine Bewegungen doch noch sehr holprig aussehen im Vergleich zu den bereits regelmäßig trainierenden Damen.

Meine anfänglichen „Sorgen”, mich in diesem Kreis zu bewegen, sind übrigens längst verflogen, und ich bin ganz überrascht, daß mir sogar gleich in der ersten Stunde eine Trainingsstange zugewiesen wird. „ich an der Stange üben˙ – Na, das wird ja wohl doch nichts!” – Ich schaue auf die Trainerin, auf ihre vorgegebenen Schrittfolgen, schaue in die große Spiegelfläche. In meinem linken und rechten Blickwinkel sind dabei die anderen Damen zu sehen, die sich ganz dem vorgegebenen Ansage-Rhythmus hingegeben haben. Die hohe Konzentration – ich bringe die Schrittfolgen durcheinander – läßt plötzlich das „Um-mich-herum” vergessen.

Ich sehe nur noch Tanja Plamarjuk, meine Stangennachbarin und ansonsten ist nur noch der Wunsch, die Schritt- und Bewegungsfolge – meinen Möglichkeiten entsprechend – nachzueifern. Ja „eifern”, ich möchte mich ebenso „vermeintlich leicht” bewegen können, möchte ebenfalls mit Leichtigkeit mein gestrecktes linkes und rechtes Bein auf den Barren legen können, möchte ebenso locker und frei stehen können … Und dabei tritt mein ganzer hektischer Tagesablauf in den Hintergrund. Er ist geradezu weg und es bleibt ein Lustgefühl, hier etwas Neues, etwas Har­mo­nisches kennenzulernen. Die zarte Musik läßt die Gedanken weit weg tragen und Entspannung, ja Wohl­befinden, nimmt Besitz in mir.

„Joy of ballet”, ja der Name hat seine Berechtigung. Es ist Freude, die sich breit macht, Freude an der Bewegung, Freude am Sich-spüren, am Leicht-werden.

Nach der Arbeit an der Stange folgen Bodenübungen, Becken­spannen, Bauchspannen, Beine anheben – in meiner Phantasie muß meine letzte Gymnastikstunde wohl ein halbes Jahrhundert zurückliegen – obwohl es gerade mal drei Jahre sind – aber: Wer rastet, der rostet! – und ich fühle mich schon kurz vor dem Durchrosten. Die Arm­mus­kelübungen fühlen sich angenehm an, aber die Verlage­rung des gesamten Körpergewichts auf die kleine Zehe erscheint mir zu diesem Zeitpunkt noch ein unüberwindliches Thema zu werden.
Tatjana und die Ballettdamen lassen die Arme in Wellenform laufen – geradezu, als wären sie zeitlebens indische Tempeltänzerinnen gewesen und ich kämpfe damit, den Unterarm in Bewegung zu versetzen. Schlangenförmig sieht da allerdings noch gar nichts aus. Aber, es ist ja auch erst eine Probestunde und beim zweiten, dritten, vierten Mal sieht auch meine Arbewegung sicherlich schon etwas harmonisierter aus. Ich muß mich auf die Bewegung einlassen, sage ich mir, ja, aber wie.

Als ich nach einer Stunde mich mit den Erwachsenen-Ballett-Damen unterhalte, kann ich aus deren Erleben der ersten Stunde spüren, daß sie ebenso empfunden haben mußten, und dann heute … Es macht mir Mut.

Und alle bestätigen: Bauch und Po sind eindeutig straffer geworden und die Cellulitis geht spürbar zurück. Das gibt mir die Restmotivation. Am nächsten Dienstag bin ich wieder dabei, um 18.15 Uhr im Ballettraum des Medizinischen Fitness-Centers Arnstein.

Der Stundenabschluß ist mit Tanz, spanischen Flamenco-Klängen, bei denen Beine, Hände, Arme und Bauch in Bewegung kommen und frei werden, dem Rhythmus und Temperament des eigenen Körpers zu folgen, hinauszu-schwelgen in den Abend. Müde vom Tag? Kein Thema mehr. Jetzt kann’s los gehn!

Mit freundlicher Genehmigung
der Arnsteiner Werntal-Zeitung